Hansruedi Nyffenegger
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Post #217 of 218

Du sprichst mir aus dem Herzen, lieber Sam. 6 Stunden 15 Minuten. Eine Pace von ca 8:50...   7 km/h... das lässt sich praktisch wandern. Ja, offenbar geht es einem gewissen Teil der Teilnehmenden nur um das Happening. Darum, mal mit einer Medaille zu posen. Mache ich auch gerne, aber ich schwitze dafür wenigstens. Und vermutlich werden ein paar Leutchen auch nicht davon zurückschrecken ein E-Trottinet zu nehmen, die U Bahn oder kurz nach der HM-Marke rechts statt links abbiegen, 800 m nördlich und schon bist du bei km 37. Und dann auf allen Sozialen Medien Foto rausblasen...

Ja, es ist schade, dass so Startplätze blockiert werden. Ich würde (an den grossen, übervollen Stadtmarathons) ein Minimum an Qualifikation begrüssen z.B. ein nachweislich gefinishter Marathon in 5:15 Stunden oder sogar ein HM in 2:15. Muss ja nicht so strikt wie Boston sein (da werde ich mich wohl in absehbarer Zeit kaum qualifizieren). Da hätten dann wohl auch die Veranstaltungen in Hinterpfupfingen dann wieder mehr Zulauf...

Das Brandenburger Tor gesperrt. ECHT? You made my day! Das ist die Höchststrafe... Da quälst dich 41,5 km - und dann ist das Tor zu. Woah...  =:-D

So, dann frohes Regenerieren...

HR

 

Sam Roth
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Post #68 of 69

Sehr schöner Bericht - danke Hansruedi! Und auch an dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch zur Sub4! Bist wirklich ein tolles Rennen gelaufen und deine Zufriedenheit spürt man auch gut zwischen den Zeilen. :-)

Mein eigener Bericht ist auch so gut wie fertig und wird zumindest auf Strava bald kommen.

Das mit den Leuten im falschen Startblock habe ich an anderer Stelle auch gelesen. Bei uns vorne habe ich das so nicht erlebt. Eine Theorie ist: Berlin hat ja einen Cutoff von 6:15 Stunden und wenn man in einem Startblock der ersten Welle startet, hat man 50 Minuten mehr Zeit, das Ziel zu erreichen (Cutoff gilt zwar ab Chip-Time, aber man schafft es so allenfalls wenigstens über die Ziellinie, bevor die Strecke geschlossen wird und man erhält noch eine Medaille, auch wenn man nicht in die Wertung kommt...). Finde ich total daneben und unfair denen gegenüber, die hart dafür gearbeitet haben, eine bestimmte Zeit laufen zu können. Die Einteilung in Startblöcke geschieht ja nicht umsonst. Vielleicht mache ich mich damit etwas unpopulär, aber mit Marathonlaufen hat das in meinen Augen nicht mehr wirklich etwas zu tun. Wenn man das Limit eines Veranstalters (andere sind da ja noch einiges grosszügiger als Berlin) nicht erreichen kann, soll man es halt einfach sein lassen. Sorry. Da geht es wohl eher einfach um das «Happening», das dabei gewesen sein, für den Insta-Fame. Es ist immer noch ein MarathonRENNEN und mit Verlaub, aber dann sollen diese Leute doch lieber die so gefragten Startplätze denen überlassen, die das auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit machen wollen. Aber es gibt auch tatsächlich Leute, die jetzt in den sozialen Medien rumheulen, weil sie beim Brandenburger Tor vor abgesperrter Strecke standen und nicht mehr ins Ziel laufen durften...

Ich bin mir der eher radikalen Ansicht diesbezüglich bewusst. Aber eine Gegenfrage: würde es diesen Leuten in den Sinn kommen, einen Marathon "laufen" zu wollen, wenn es sich um eine Feld-Wald-Wiesen-Veranstaltung in Hinterpfupfingen mit 400 Telnehmern handeln würde? Eben.

Sorry für den kleinen Rant.

Nochmals danke für den Bericht! War wirklich cool, euch alle zu treffen in Berlin!

Liebe Grüsse
Sam

Ilse Schmitz
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Post #10 of 12

Ein toller Bericht,

ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr in Berlin wieder ;)

 

Hansruedi Nyffenegger
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Post #215 of 218

Berlin Marathon – Vorbereitung

Mitten in einer Weiterbildung zu Staatssrecht klingelte im November 2018 die Mail, dass ich 2019 am Berlin Marathon starten konnte. Viel habe ich von der Vorlesung nicht mehr mitbekommen. Zu aufgeregt war ich. Denn Berlin war für mich der Marathon, den ich unbedingt mal laufen wollte. Ich kenne und liebe die Stadt seit vielen Jahren. Und der Marathon ist nun mal einer der ganz grossen und zudem sehr flach, so dass in der Regel eine gute Zeit möglich ist. Und endlich, im 5. Anlauf unter 4 Stunden bleiben, das wäre schon toll.

Und nachdem ich auch schon Läufe praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen war, freute ich mich wieder mal auf einen Gross-Stadtlauf und auf die Stimmung, die in Berlin legendär sein soll.

Ich beschloss das Trainingsjahr 2019 schwerpunktmässig auf Berlin auszurichten und fragte mich: was macht mir am meisten Mühe an den 42.195 km? Ich kam zum Schluss, dass ich immer noch einen übermässigen Respekt vor der Länge der Strecke hatte. Folgerichtig lief ich dann im Frühjahr 2019 einen 50 km-Lauf und den 100er von Biel. Das sollte sich als kluger Schachzug erweisen. Ich ging wirklich mit viel Ruhe und Selbstvertrauen an den Start. Waren ja nur 42 km…

Allerdings: bei Ultraläufen nimmt man sich in der Regel Zeit für die Verpflegung und Gehpausen sind zumindest in meiner Stärkeklasse eher die Regel als die Ausnahme. Zudem läuft man natürlich etwas langsamer als im Marathon. Aber so baute sich meine Grundlagenausdauer gut auf. Andererseits wusste ich nach den Sommerferien nicht genau, wo ich läuferisch im Marathontraining stand. Ich hatte nach dem 100er von Biel 3 Wochen pausiert, den Sommer nicht ganz optimal genutzt und ein paar Trainings sausen lassen. Zudem ergaben Laktattest, RC, Strava, Polar und mein Körpergefühl ziemlich verschiedene Prognosen. Also musste eine Standortbestimmung her.

So lief ich meinen Heim-Halbmarathon vier Wochen vor Berlin nur leicht getapert, fast als vollen Wettkampf, ersparte mir aber die Jagd nach einer Bestzeit, die bei den doch etwas schwül-warmen Bedingungen in Sarnen nicht ganz einfach zu erreichen gewesen wäre. Ich finishte in 1:53:22 und fühlte mich OK. Das ergab eine Prognose von knapp unter 4 Stunden. Je nach Rechner. Einer schlug mir 3:58:42 vor... Ich war also auf Kurs.

Ein wunderbarer Longjog unter einem hellen Vollmond in einer eher schnellen Pace gab mir dann zwei Wochen vor dem Wettkampf endgültig ein supergutes Gefühl und die Werte aller Prognosen von RC, Polar und Strava zeigten mehr und mehr nach oben. Die letzten Tage vor dem Wettkampf waren die übliche wohltuende und Sicherheit vermittelnde Routine: leichte Läufe, kurz Tempo machen, Coiffeur, Carboloading, Massage…

Die Reise in die deutsche Hauptstadt musste ich aus verschiedenen Gründen auf den Samstag legen. So reiste ich in aller Herrgottsfrühe los und war gegen 11.00 im Hotel am Alexanderplatz. Da war ich schon sieben Stunden unterwegs. Und mein Tagesprogramm war immer noch ziemlich gut ausgefüllt: Einchecken im Hotel, kurzen Lauf um den Block, danach Treffen mit ein paar Lauffreunden aus der 2019km Truppe. Schön, euch mal getroffen zu haben! Wir tauschten uns über unsere Ziele für den kommenden Tag aus, ein wenig Fachsimplen. Schade musste ich mich dann schon recht bald wieder auf den Weg machen.

Das Abholen der Startunterlagen im ehemaligen Flughafen Tempelhof dauerte eine gute Stunde, was aber vor allem dem weitläufigen Gelände geschuldet war. Das Befestigen des Startbandes (darum muss jeder persönlich antreten, das Band dient als Ausweis und auch als Fahrschein im öV) und das Drucken der Startnummer, nebst dem Fassen von Werbung und T-Shirts dauerte jeweils nicht allzu lang.

Aus Erfahrung sorgte ich danach für Ablenkung und schaute mir noch eine Show in Berlin an. Denn im Hotel sitzen würde mir keine Ruhe geben. Zuviel Gedanken wollte ich mir nicht mehr machen. Ich hatte so lange gerätselt, welche Zeit ich mir vornehmen wollte. Hatte mich mit Filmen vorbereitet, Geschwindigkeiten getestet. Puls und Pace ausprobiert…und x-fach geplant. Nun war alles bereit. Nun musste ich den Plan nur noch durchziehen. Und wenn ich schon aus Erfahrung wusste, dass ich kaum gut schlafen würde, dann konnte ich mir auch die Blueman-Group anschauen…

Meine Ziele für den nächsten Tag waren klar:

  • Spass haben und gleichmässig und ohne Einbruch laufen.
  • Bestzeit angreifen.
  • Unter 4 Stunden laufen.

 

Hansruedi Nyffenegger
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Post #214 of 218

Marathontag

Um halb sechs klingelte der Wecker. OK, heute standen 42.195 km an. Ich freute mich, einen Wettkampf zu laufen. Aufregung? Mässig. Ehrlich gesagt machen mir einsame Longjogs von 3 Stunden morgens um fünf am Ende einer harten Trainingswoche fast mehr Eindruck.

Ich nahm mein Marathon – Frühstück ein: kalten Porridge, mit Regenerationsdrink angerührt. dazu 5dl Isogetränk. Heute aber musste ich mich zwingen, schmeckte mir beides gar nicht. Und - wie leider immer wieder vor Läufen war ich mit Kopfschmerzen aufgewacht. Wohl doch nicht so locker, wie ich gerne tue… Ich beschloss eine Tablette zu nehmen und noch ein Nickerchen zu machen. War ja noch viel Zeit. Und schliesslich hatte ich mir ja 2 Wecker gestellt, einmal für’s Aufstehen und einmal für’s Losgehen. Der zweite Alarm wäre eigentlich unnötig... Ich war bald wieder tief eingeschlafen.

Den ersten Wecker habe ich offenbar einfach weggedrückt, jedenfalls war es plötzlich anderthalb Stunden vor dem Start und ich noch im Pyjama… Die Elite würde sich gerade warmlaufen…

Aber da ich alles bereitgelegt hatte, war ich bald unterwegs und die Fahrt dauerte nur wenige Minuten, dann noch ein Fussmarsch von kaum 10 Minuten. Ich hatte ja keine Kleider abzugeben, so marschierte ich direkt zum Startblock durch. Unterwegs standen 3 einsame Toiletten. Man hätte stundenlang anstehen können. Viele, vor allem Frauen machten das auch, Männer nutzten eher die Büsche im Tiergarten. Aber eigentlich gab es gleich beim Start eine ganze Reihe von Toitois. Müsste man wissen…

Den Weg zum Startblock kann man hervorragend nutzen um sich ein wenig warm zu laufen, besonders, wenn man frisch aus dem Bett kommt... So stand ich dann um 9.35 Uhr, 15 Minuten vor dem Start bereit. Ich nutzte wie immer die Toitois im 5 Minuten-Takt, währenddem sich der Startblock langsam füllte. Viele waren klar noch knapper dran als ich (andere hingegen standen sich schon lange die Füsse in den Bauch, das hatte ich unbedingt vermeiden wollen). Insgesamt gab es kein Gedränge. Man stand locker, konnte ohne Probleme noch ein wenig lockere Gymnastik machen, ohne dem Nebenmenschen auf die Füsse zu treten.

Dann wurde es ernst. Der Sprecher kündete den Start an und dazu wurde «Sirius» von Alan Parsons Project eingespielt. Es ist eines jeder Lieder, die ich auf der Playlist für die langen Läufe habe - ich wertete das als gutes Omen. Dann knallte der Startschuss irgendwo weit vor uns. Ich stand mitten im Block, so dauerte es doch eine Weile bis sich die Masse in Bewegung setzte. Die Starttore waren bewusst etwas schmaler gebaut, danach war die Strasse schön breit, so dass es vor den Toren staute, aber nach dem Überqueren der Startlinie kam man wirklich gut weg. Erster Sorgenpunkt überstanden.

Ich fand meinen Rhythmus sehr schnell – war eigentlich sofort drin. Dummerweise war ich aber in der Nähe der 4:00 Pacemaker gestartet. Wenn ich - beispielweise wegen einem langsameren Läufer etwas abbremsen musste, geriet ich sofort in den Pulk der Läufer, die den Pacern folgten.

Auf den ersten paar Kilometern gab es erstaunlich viele solcher laufender Hindernisse. Oder eher wandernde. Ich bin der letzte der irgendjemandem das Recht abspricht einen Marathon zu versuchen. Aber bitte: wer nicht laufen kann, geht in den hintersten Startblock. Warum ich auf den ersten paar Kilometern Dutzende von übergewichtigen, hinkenden und garantiert nicht unter 5 oder 6 Stunden finishenden Leuten überholen musste, entgeht mir. Das ist schlicht gefährlich, wenn man mit über 10 km/h auf langsame Fussgänger aufläuft. Das wirft aus dem Rhythmus und sorgt für unnötige Rempeleien. Ich meine hier klar nicht jene Leute, die nach 10, 20 oder 30 km einbrechen. Sondern Sportler, welche schlicht im falschen Block starten. Auch unangenehm sind Paare oder kleine Gruppen, die zu zweit oder gar viert nebeneinander laufen. Sie sind auch schwer zu überholen.

Ich glaube man merkt es: mich ärgert so ein Verhalten. Aber es ist halt nicht zu vermeiden, wenn man an einer der grossen Laufveranstaltungen startet. Das Positive ist dann der Support der Leute am Strassenrand. Da stehen tausende von Leuten am Strassenrand und feuern die Laufenden an. Die Veranstalter sprechen von einer Million Zuschauern, ich zweifle etwas daran. Das würde heissen, auf jedem Kilometer würden 10000 Leute links und 10000 Leute rechts stehen. 10 Personen pro Meter. Aber man sieht regelmässig wieder die gleichen Schilder, Gesichter und Fahnen, weil die Zuschauer per U-Bahn verschiedene Orte anfahren. Vermutlich ist die Million mit den Zuschauern am TV in der ganzen Welt gerechnet. Trotzdem ist die Stimmung unterwegs super.

Ich liess mich mittreiben. Genoss es, in der Menge mitzutraben. Hielt die Uhr im Auge. Staunte über die Massen, die vor mir zu sehen waren, wenn es mal leicht nach oben oder unten ging. Lief entspannt. Und legte hier meinen 2019. Kilometer in laufenden Jahr zurück.

Die Verpflegungsstände waren in rund 5 km Abständen aufgebaut. In erster Linie gab es Wasser und ein Isogetränk, dass ich zum Glück im Vorfeld getestet hatte. Hin und wieder Bananen und Gels. Letztere liess ich wohlweislich aus.

Die einzige Sorge, die ich hatte, war, nicht in den Pulk der 4:00 Pacer zu geraten. Dieser hatte eine ziemliche Wasserverdrängung, da sich viele Läufer anschlossen. Wenn man eingeholt wurde, fehlte einem sofort der Platz zum Laufen. So erhöhte ich mein Tempo bis 30 km ein klein wenig. Das war vor allem auch sinnvoll an den Orten, wo es Kurven und Verengungen, etwa wegen Baustellen gab. Kommt in Berlin verschiedentlich vor… Und auf Rempeleien mit der 4:00 Truppe hatte ich keine Lust.

Die Strecke führt attraktiv an verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbei, Regierungsviertel, Alexanderplatz, Kreuzberg…Laufendes Sightseeing.

Meine Durchgangszeit beim Halbmarathon war 1:58:38. Damit war ich perfekt in meinem Plan. Aber eben: der Lauf beginnt ja erst jenseits von KM 30 so richtig. Und dann kam der Regen. Nicht allzu schlimm, aber etwas eine Spassbremse.

Langsam ging es in den Südwesten von Berlin und dann zurück in Richtung vom Ku’Damm. Bei km 35 begann mein Magen zu schmerzen. Nichts Neues, leider. Ich bringe bei einem Lauf nur kleine Mengen von Isogetränken runter. An jeder zweiten Verpflegungsstelle nehme ich nur Wasser. Eine Banane würgte ich bei km 25 runter, in der Hoffnung, sie nicht wieder zu sehen. Dann nur noch Wasser, da hatte ich aber den Eindruck, es würde ewig im Magen rumschwappen. Die letzte Verpflegungsstation liess ich sogar aus, genauso wie das Gel, das ich getestet und mässig vertragen hatte. Aber ich war immer noch genau in meinem Marschplan. Und dann sah ich sogar meine Berliner Freunde! Katja und Eiko erkannten mich dank Livetracking mitten in der Menge und feuerten mich an. Das gab noch mal einen Extra-Schub Motivation und war ich immer sicherer: das mittlere Ziel, die eigene Bestzeit schlagen lag absolut in Reichweite. Ich konnte schon 30’ Sekunden pro Kilometer verlieren, dann eine Minute, dann gar 2 und ich würde es immer noch schaffen.

Die letzten paar Kilometer waren hart. Aber kein klassischer Hammermann. Nun galt die ganze Erfahrung hervor zu kramen. Ich dachte an viele Leute, die den Lauf interessiert verfolgen würden. Keine Schwäche zeigen. Ich stellte mir den Zieleinlauf vor. Wie Kipchoge da den Weltrekord gebrochen hatte. Mit einem Lächeln laufen Ich verbannte den Gedanken daran, wie schön ein paar Schritte gehen wären. Ich bin ein Läufer! Ich habe den 100er gefinisht. (Das ich da doch viele Kilometer gegangen war, verdrängte ich auch erfolgreich). Weiter! Noch bist du auf Kurs für 4 Stunden. 200 Schritte gehen und du verpasst es. RENN! KÄMPF! Nimm Bilder hervor. Lass innerlich deine Musik spielen. Hups…

Interessanterweise konnte ich dieses Mal keinen einzigen «Kampfsongs» innerlich abrufen. Ich war nur noch auf das Rennen fokussiert. Komplett im Tunnel.

Wieder war ich einen Kilometer vorangekommen. Da ging es am Gendarmenmarkt vorbei. Und noch die eine oder andere Kurve. Irgendwie hatte ich vor lauter Kurven gerade die Richtung verloren. Aber dann sah ich es vor mir. Das Brandenburger Tor. Yes! Blick zur Uhr. Das würde reichen. Ich erlaubte mir daher sogar ein Foto auf der Strecke zu machen, schliesslich war mein oberstes Ziel ja «Spass haben». Daher hatte ich mein Handy mitgenommen. Die letzten paar Meter nahm ich locker. Ich würde meine Zeit kaum noch verbessern, wenn ich spurtete, aber es würde so auch locker für mein Maximal-Ziel reichen. Sub 4.

Und dann einfach durch. Rein ins Ziel. Habe ich die Arme hochgerissen? Ich weiss es nicht, ich habe ehrlich gesagt keinerlei Erinnerung daran. Erst als ich ein paar Meter weiter bei der Medaillenverteilung anstehe, setzt mein Film wieder ein. Keine Euphorie. Aber tiefe Zufriedenheit.

Nach den Medaillen gibt es ein Stück Plastikfolie. Gut gegen den Wind, gut gegen den Regen. Dann ein Säckchen mit Verpflegung, einen Poncho, der zwar etwas futuristisch aussieht aber wärmt und trocken hält. Dann zur Medalliengravur. 3:58:42 steht da. Jetzt ist es offiziell. Ich bin unter 4 Stunden gelaufen. Ziel erreicht.

Allgemein würde ich sagen, es war das beste Rennen, das ich je gelaufen bin. Nicht nur wegen der Zeit, Bestzeit ist immer toll… Sondern auch von der Einteilung her. Ich war auf den 5 – km Abschnitten so konstant unterwegs, dass ich bis km 35 nur gerade Unterschiede von 17 Sekunden auf 5 km hatte. Auf den letzten km musste ich etwas kämpfen, wurde leicht langsamer und ich verpasste den negativen Splitt nur knapp. Vielleicht, wenn mein Magen mitgespielt hätte, ohne Foto vor dem Brandenburger Tor, mit trockener Strasse …

 

Hansruedi Nyffenegger
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Post #213 of 218

Danach…

Ich marschiere durch gelegentlichen Regen zur S-Bahn zurück. Mein Handy summt fast nonstop. Offenbar haben wirklich viele Leute meinen Lauf verfolgt. Angenehm schnell bin ich im Hotel zurück. Dusche. Dehnen. Massage-Gels. Füsse hochlagern. Strava checken – was haben die andern gemacht? Glückwünsche werden versandt und treffen im Minutentakt ein.

Dann gehe ich mit meinen Berliner Freunden um die Ecke essen. Es ist schön, sie mal wieder zu sehen. Sie waren von der Atmosphäre beim Marathon ganz begeistert. So wie ich auch. Währenddessen marschieren vor dem Restaurant immer wieder Leute in den Marathon-Ponchos vorbei, die offenbar noch auf dem Weg ins Hotel sind. Es sind die tapferen, die 5 oder 6 Stunden gebraucht haben. Respekt auch ihnen.

Später mache ich ein Nickerchen. Werfe einen Blick ins Wellness vom Hotel. Leider ohne Sprudelbad. Auf Sauna habe ich nicht so Lust. So lese ich eine ganz Weile, bevor ich dann abends für mich alleine noch mal Essen gehe. Fleisch, Pommes, zwei Bier. Das habe ich mir verdient.

Am nächsten Tag schlafe ich nach unruhigem Schlaf aus. Aufstehen geht gut, losmarschieren tut nicht weh. Dehnen, Duschen. Frühstück. Ich fühle im mich höchstens wie nach einem Longjog. Etwas müde. Die Stadt hingegen wimmelt noch hinkenden Turnschuhträgern mit Medaillen um den Hals.   

Etwas Beine hochlagern, dann geht es heimwärts. Am Abend gucke ich mir daheim fast die ganze Marathon-Sendung am TV nach. Ich erkenne jede Ecke wieder. Das ist fast unwirklich - und gleichzeitig ideal zum Verarbeiten. Ich staune über Bekeles Wahnsinnsleistung.

2 Tage nach dem Lauf habe ich mich schon wieder für die Verlosung für 2020 eingetragen. Falls ich Glück habe, bin ich noch mal dabei in Berlin.